Bettina Baeumer – Vijnana Bhairava Tantra

Das “göttliche Bewusstsein” oder das “Wiedererkennen des Göttlichen in mir” gehört zu den ältesten und angesehensten Tantras des Sivaismus von Kashmir. Der Text wurde im 20. Jahrhundert von den indischen Berühmtheiten B.K.S. Iyengar, Osho, Muktananda und Swami Lakshmanjoo und der Bihar School aufgegriffen. Es ist somit auch einer der wichtigsten Yoga Texte.

‘Wie fühlt sich das an?”

In der Yogalehrerausbildung hilft der Text den Yoga von der Matte in unser Leben zu übertragen. Insbesondere gibt der Text durch Beispiel Meditation eine Anleitung wie die Wahrnehmung der Energie innen in das Gefühl der Weite des Herzens führt, in die Weite des universalen Bewußtseins.
Das kann als Anleitung für eine Achtsamkeitslenkung (inquirey) verstanden werden.

Die Praxis von Asana, Pranayama, Mantra mit der Intention der Wahrnhmung der Energie führt dazu, das wir Alltagsmomente einfach so erfahren wie in diesem alten Yoga Text beschrieben. Yoga ist dann nicht mehr eine Praxis, um schwierige Asanas zu meistern, sondern wird zu einem Wiedererrkennen der göttlichen Momente in unserem Leben. 

Die einfache Frage “Wie fühlt sich das an” ist die Einleitung dieser Achtsamkeitslenkung, der Anfang und das Ende dieses Yoga, den wir in der moedernen, dynamsichen  Form Hatha Vinyasa nennen. 

Henning Moog

Vermittlerin zwischen den Welten – Bettina Bäumer

Die Indologin Bettina Bäumer beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Tradition des „kaschmirischen Shivaismus“. In Indien wurde sie Schülerin des letzten Meisters des kaschmirischen Shivaismus, Swami Laksman Joo. Seit 1967 lebt sie in Varanasi (Indien) und forscht in Sanskrit, indischer Philosophie und Kunst. Bettina Bäumer ist Autorin mehrerer Bücher über indische Spiritualität und Kunst und verfasste eine Reihe von deutschen Übersetzungen wichtiger Texte der Hindi-Traditionen. In Österreich bekam sie eine Gast Professur.

  Bettina Baeumer VIjnana Bhairava

 

 

 

 

 

Wer den indischen Obertitel liest, wird zuerst etwas verunsichert sein, was ihm eine der besten Sanskritkennerin (Bettina Bäumer) wohl zumutet. Auch wirkt der Bezug auf die mystische Shiva-Frömmigkeit in Kaschmir zuerst etwas randständig. Diese anfängliche Reserve ändert sich jedoch schnell, wenn die an der Hindu-Universität von Benares (Varanasi) und in Wien lehrende Autorin die Grundkomponente des vorgelegten Textes erläutert:
„Bhaivara, der in anderen religiösen Traditionen des Hinduismus und besonders in der Volksreligiosität als die Furcht erregende Form des großen Gottes Shiva betrachtet wird und sowohl bedrohlich wie beschützend wirkt, bedeutet im Shivaismus von Kaschmir nichts weniger als die höchste,
transzendente Wirklichkeit, die Gottheit in ihrer absoluten, unübertrefflichen Form (annuttara) [S. 14].
Der vorliegende Text gehört in die Advaita-Tradition des Hinduismus, das heißt, er repräsentiert Spiritualität nondualistisch, man könnte auch via negativa sagen, um einen Begriff aus der christlichen mittelalterlichen Mystik zu nehmen. Es handelt sich um ein Tantra, einen heiligen Text, nicht zu verwechseln mit dem, was missverständlich im Westen gern unter Tantrismus und der damit zusammenhängenden Kundalini-Energie verstanden wird (vgl. S. 38).
Bettina Bäumer stellt den kaschmirischen Shiva (Bhaivara) und seine weibliche Komponente Shakti im Sinne
einer negativen Theologie vor, die das Auseinandertreten im Göttlichen und das wieder Einswerden von Göttin
(Shakti) und Gott (Shiva) in jedem Menschen als möglich ansieht, weil ein jeder das Göttliche in sich realisieren
kann (S. 17). Diese Realisation geht dahin, einen von Gedanken freien Zustand zu erlangen. Göttin und Gott
führen dies hier in einer Art Frage- und Antwortspiel vor, die dann durch tantrische Rituale, d.h. durch
Meditationsübungen den Weg in die Einswerdung vorbereiten.
Der vorliegende Text bietet dazu 112 Weisen der (praktischen) Meditation, die den Alltag bewusst mit einschließen, aber nicht auf außergewöhnliche Erfahrungen verzichten wollen, letztlich aber alles den Übungen
der Atemkonzentation zuschreiben. Das Ziel der Einswerdung mit der Gottheit hängt neben dem Atem wesentlich
an Mantra-Rezitationen – Übungen, um zur Mitte zu finden, sich der Leere bzw. dem totalen Offensein bewusst
zu werden und dies durch schöpferische Kontemplation in den Lebensablauf zu integrieren. Wir haben hier also
einen durch Erfahrung gesättigten Sanskrit-Originaltext vor uns, den Bettina Bäumer sorgsam übersetzt und
kommentiert hat, gerade weil der Originaltext so knapp beschreibt und oft Entscheidendes automatisch
voraussetzt. Dieser Kommentar zu den 161 Versen schließt indisch geprägtes nicht-dualistisches Denkens auf
und weist auf die Vielfältigkeit mystischer Praxis im tantrischen Kontext. Damit macht die Autorin jedoch
gleichzeitig auch die Besonderheit dieses auch im indischen Zusammenhang außergewöhnlichen Textes
deutlich. Formal lässt sich also für Vers der Weg zum „reinen Licht des Bewusstseins“ gehen.
Um die Komplexität und auch Problematik von Übersetzung überhaupt zu signalisieren, hatte Bettina Bäumer
schon in der Einleitung, aber auch in ihrem Kommentar Sanskrit-Begriffe meist in Klammern neben den
deutschen Text gesetzt, so dass der Blick ins Glossar nicht so oft nötig ist, wenn man sich ihre gut zu lesende
konzise Einleitung (S. 11–52) etwas verinnerlicht hat.
Um überhaupt einen Eindruck von der Art dieser Meditationsweisen zu gewinnen, hier als Beispiel der Vers 32,
der die Verstehens-Annäherung von „Leere“ klarer macht:
„32. Man meditiere über die fünf Leeren (der Sinne) in Gestalt der farbigen Kreise der Pfauenfedern, dann dringt
man in das Herz ein, in die absolute Leere. … Kommentar: Der Vers spielt mit dem Bild der Augen der
Pfauenfedern, die aus konzentrischen Kreisen verschiedener Farbschattierungen bestehen, mit einem dunklen
Feld in der Mitte. Sie werden mandalas genannt, was sowohl in der einfachen Bedeutung Kreisverstanden werden kann als auch in der der rituell-mystischen Diagramme. Beim Ansehen einer Pfauenfeder wird der Blick
automatisch in die dunkle Mitte gezogen. Dieses Bild wird nun auf die fünf Sinnesorgane angewendet, mit der
Übertragung, dass jede Sinneserfahrung letztlich in eine Leere stößt – doch nicht von selbst, sondern durch
Meditation“ S. 80f)
Es soll deutlich gesagt werden: Manches erschließt sich nicht sofort, sondern erst beim nachdenkenden Lesen
der einzelnen Verse, wird aus einem größeren Zusammenhang deutlich, besonders wenn es um die
Überwindung der Dualitäten des Lebens geht (Verse 123–126), und wie auch das Beispiel zum Gleichmut
(samata) zeigt, den sie schon in der Einleitung beschrieben hatte (S. 40). In Vers 125 heißt es nämlich: „Man soll
Gleichmut bewahren gegenüber Feinden oder Freunden, man soll Gleichmut bewahren, ob man geehrt oder
verachtet wird, weil die absolute Wirklichkeit (Brahman) immer vollkommen ist. Wenn man das erkennt, wird man
voll Freude“ (S. 183).
Es ist schon verblüffend bei diesem Weg der langsamen oder blitzhaften Einswerdung mit dem Göttlichen auf trinitarische Elemente zu stoßen, so dass man (welch scheinbarer Widerspruch!) fast von einem trinitarischen
Nicht-Dualismus sprechen könnte. Dies signalisiert m.E. auch Konvergenzen zwischen den hinduistischen und
den christlichen Traditionen: Wir brauchen in einer globalisierten Welt mit verunsicherten Sinnsuchern die
Ergänzung durch das Annäherungsverstehen des Göttlichen in anderen Religionen, also die Erkenntnis von der
Komplementarität der Religionen, was Bettina Bäumer ebenfalls als notwendig betont (S. 48)
Es sei allerdings nicht verschwiegen, dass trotz der guten Erläuterungen und systematischen Orientierung
(besonders der Einleitung) das Lesen nicht immer leicht ist. Es zeigt aber auch, dass westliche Faszination für
indische Spiritualität erst durch vertiefendes Mitdenken interreligiöse Früchte tragen kann.
Reinhard Kirste